Zum ersten Mal seit 1943 wird kein Literaturnobelpreis vergeben: Jean-Claude Arnault, Ehemann von Kommissionsmitglied Katarina Frostenson, wurde wegen Vergewaltigung in zwei Fällen angeklagt. Im Zuge dieses Vorwurfs wird nun auch das Problem mangelnder Diversität unter den Preisträgern diskutiert.

Nach Monaten der Ungewissheit stand im Mai 2018 fest, dass dieses Jahr zum ersten Mal seit 1943 kein Literaturnobelpreis verliehen wird. Grund dafür war ein schwerer Vorwurf: Der französisch-schwedische Fotograf Jean-Claude Arnault, Ehemann von Akademie-Mitglied Katarina Frostenson, soll über Jahre hinweg junge Schriftstellerinnen und Kulturschaffende missbraucht und in zwei Fällen vergewaltigt haben. Sieben der 18 Mitglieder der Kommission legten daraufhin ihr Amt aus Protest nieder.

Ein Symbol der Gleichberechtigung war der Nobelpreis noch nie. Insgesamt wurden bisher 99 Männer und 15 Frauen ausgezeichnet – ein Frauenanteil von knapp 13%. Besonders Mitte des 20. Jahrhunderts gab es nur in den seltensten Fällen Preisträgerinnen. Die Zahl der ausgezeichneten Schriftstellerinnen steigt zwar stetig, insbesondere in den letzten zwanzig Jahren, ist aber immer noch gering.

Auch in Sachen Vielfalt schneidet der Preis historisch schlecht ab: Mit Wole Soyinka wurde 1986 der erste und bisher einzige Schwarzafrikaner zum Träger des Literaturnobelpreises ernannt. Es war das „afrikanische Jahrzehnt“ der europäischen Kulturinstitutionen: Etwa zeitgleich nahm die Académie Francaise, die von ihrer kulturellen Bedeutung an die der Stockholmer Akademie heranreicht, mit Léopold Sédar Senghor ihr erstes afrikanisches Mitglied auf. Seitdem hat sich beim Nobelpreis nicht mehr viel getan, es dominieren europäische, amerikanische oder asiatische Autoren. Die weißen Südafrikaner J.M. Coetzee und Nadine Gordimer und die Britin Doris Lessing, die viel über ihre Kindheit in Westafrika schrieb, ändern daran kaum etwas – sind aber neben Soyinka der Grund, warum Afrika in der Statistik überhaupt auftaucht.

Die Zukunft des Preises

Gelegentlich wird argumentiert, dass es einfach nicht genug herausragende afrikanische SchriftstellerInnen gibt. Mögliche Kandidaten werden aber schon lange diskutiert: Der kenianische Autor Ngugi wa Thiong’o etwa wird von der Washington Post und dem New York Review of Books – neben dem Japaner Haruki Murakami – als aussichtsreichster Kandidat für den Preis gehandelt und stand 2017 bei den Wettbüros hoch im Kurs.

Die Akademie in Stockholm hat gelobt, den Skandal um Arnault bis zur Nominierungsrunde im Frühjahr 2019 aufzuklären. Ein erster Schritt in Richtung Aufklärung ist schon erfolgt: Jean-Claude Arnault wurde in am 1. Oktober in erster Instanz der Vergewaltigung schuldig gesprochen und zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt. Ob sich mit dem Skandal in Sachen Vielfalt grundlegend etwas ändert bleibt abzuwarten. Einigen Autoren läuft derweil die Zeit davon, denn nur lebende Schriftsteller können ausgezeichnet werden. Ngugi wa Thiong’o wird im Januar 81.


Foto: Adam Baker via Flickr, CC BY 2.0