Chefsessel oder Schleudersitz: Wie zuletzt beim Spiegel finden in den Chefetagen deutscher Zeitungen in den letzten Jahren ungewöhnlich viele Wechsel statt. Eine Übersicht der Chefredaktionen seit 1998.

Am 22. August 2018 dominerte eine Meldung die Medienwelt: Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer verlässt seinen Posten. Wie das dem Handelsblatt gehörende Medienportal Meedia vermeldete, hatten sich zuletzt „hauseigene Kritiker beklagt, dass der Chef zu passiv sei, keine Richtung vorgebe“. Auch die Auflage war seit Beginn seiner Amtszeit von circa 820.000 verkauften Heften auf zuletzt 705.000 gesunken.

Dass Brinkbäumer nun ging kam weder unerwartet, noch ist es für die Zeitschrift in den letzten Jahren ungewöhnlich. Nach der langen Ära Stefan Austs (1994–2008) hat der Spiegel mit Steffen Klusmann jetzt bereits den fünften Chefredakteur in zehn Jahren. Ein Blick auf die Entwicklung in den höchsten Posten der Printwelt zeigt aber: Alleine ist der Spiegel damit nicht.

Wie haben alle Chefredakteurs-Wechsel der auflagenstärksten deutschen Tages- und Wochenformate seit 1998 zusammengetragen. [1]  Zuerst fällt die geringe Anzahl an Blattmacherinnen auf, mit Ausnahme der taz gab es nur bei der Bild und Bild am Sonntag Chefredaktuerinnen. Dann zeichnen sich drei Gruppen ab: Die einen, etwa die Welt und das Handelsblatt, wechselten in den vergangenen zwanzig Jahren häufig ihre Chefredaktion und tun das noch immer. Eine zweite Gruppe setzt auf langfristige Besetzungen: die Zeit und die Süddeutsche Zeitung etwa, bei denen Giovanni di Lorenzo und Hans Werner Kitz jeweils mehr als zehn Jahre am Drücker saßen – oder noch sitzen. Es ergibt sich noch eine dritte Gruppe jener, die nach langer Kontinuität nun erhebliche Fluktuation erleben: taz, Spiegel und Bild.

Woran das liegt, bleibt erst einmal Mutmaßung. Thomas Hass, Geschäftsführer des Spiegels, begründete die Trennung von Brinkbäumer „mit unterschiedlichen Auffassungen davon, wie die Spiegel-Redaktionen zusammenzuführen sind“.

Doch Brinkbäumer schafft es mit knapp dreieinhalb Jahren nicht mal auf die Liste der kürzesten Aufenthalte im Chefsessel. Stefan Aust, der nur 256 Tage als Chefredakteur der Welt im Axel-Springer-Haus weilte und damit die kürzeste Amtszeit hatte, ist zugleich auch derjenige mit einer der längsten: 14 Jahre lang hatte er zuvor den Spiegel geleitet. Die Längste Amtszeit hat Giovanni di Lorenzo, seit 2004 Chefredakteur der Zeit.

Wechsel in die Politik bleibt die Ausnahme

Bei so vielen Wechseln bleibt die Frage: Wohin geht es, aus den Redaktionssälen direkt in die Politik? Unsere Recherche zeigt: Nur in den allerseltensten Fällen wechseln Blattmachern in die deutsche Tagespolitik. Michael Spreng wurde direkt nach seinem Vertragsende bei der Welt 2000 Politikberater und unterstützte Edmund Stoiber (CSU) bei dessen Kanzlerkandidatur 2002. Aber Spreng bleibt die Ausnahme. In den allermeisten Fällen wechseln Chefredakteure in eine (Herausgeber-)rolle beim eigenen Blatt oder zu einer anderen Zeitung.

Der Wechsel in die Wirtschaft wird in der Branche zumeist ebenso kritisch gesehen. Hier fällt trotz der vergleichsweise hohen Zahl auf: In den meisten Fällen sind die Unternehmen Medienunternehmen, in denen die ehemaligen Chefredakteure aber keine Blattmacher mehr sind. Als Geschäftsführer leiten sie ein Unternehmen und keine Zeitung mehr. Der Wechsel in die Start-Up-Welt, wie etwa Kai Diekmann bei Uber und Jan-Eric Peters bei Upday, bleibt eher selten.

Wohin es Brinkbäumer zieht, steht derzeit noch nicht fest. Der Tagesspiegel mutmaßt, dass es „mit ihm Gespräche über eine neue Aufgabe beim „Spiegel“ geben wird“. Aus statistischer Perspektive ist das in der Tat sehr wahrscheinlich. Sein Nachfolger Klusmann wird offiziell am 1. Januar 2019 die Chefredaktion übernehmen.


[1] Aufgrund der mehrköpfigen Herausgeberschaft haben wir die FAZ ausgeschlossen. Sie können aber auf Anfrage bereitgestellt werden.

In einer vorherigen Version wurde die Amtszeit Stefan Austs fälschlicherweise mit 1988–2009 angegeben. Ab 1988 war er Chefredakteur des Spiegel TV Magazins, ab 1994 des SPIEGELS.

Foto: Christian Kothe via Flickr, CC-BY-ND 2.0