Kleiner Toni, großer Mats: Siegtorschütze Kroos und der verletzte Hummels sind Stammspieler der Nationalmannschaft, doch in einer Hinsicht unterscheiden sie sich. Kroos feiert im Januar Geburtstag, Hummels im Dezember. Das hat im Profisport eine gewaltige Bedeutung: Die früheren Quartale des Jahres stellen regelmäßig deutlich mehr Spieler als die späteren. Wie kommt es dazu?

Seit Jahren ist etwa ein Drittel aller Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Männer im ersten Jahresviertel geboren, dagegen nur 17% im vierten Quartal. Dieses Jahr stellen die Quartale jeweils 9, 5, 6 und 3 Spieler. 13% der Sportler sind also im vierten Jahresviertel geboren, obwohl man nichtsahnend rund ein Viertel pro Quartal erwarten könnte. Eine seltsame Verteilung, sollte man doch meinen, dass Dezember-Kicker nicht weniger Talent haben als Januarkinder.

Grund ist vermutlich der Relative Age Effect.[1] Besondere Bekanntheit hat das Phänomen im Hockey durch Malcolm Gladwells Buch Outliers (2008) erlangt. Gladwell fasste darin unter anderem eine Studie[2] aus dem Jahr 1985 zusammen, in der kanadische Psychologen feststellen, dass die Quartale absteigend etwa 40, 30, 20 und 10% aller nordamerikanischen Eishockey-Profis stellen.

Der Effekt liegt in einer einfachen Logik begründet: Der Stichtag für nordamerikanisches Kinder- und Jugendhockey ist der 1. Januar. Körpereinsatz ist im Hockey besonders wichtig, und ein Unterschied in der körperlichen Entwicklung um nahezu ein Jahr kann im Jugendsport einen gewaltigen Vorteil bedeuten. Neunjährige haben 12.5% mehr Lebens- und Wachstumszeit als Achtjährige durchlebt. Im Nachwuchsbereich kann so schnell der Eindruck entstehen, dass ein Januarkind talentierter ist als seine Teamkollegen, die am Ende des Jahres geboren wurden.

Aber zurück auf den Rasenplatz. Wie steht es um den Relative Age Effect im deutschen Fußball? Seit 2010 sind 37 der 115 Männer-Kadermitglieder der Nationalmannschaft (32%) im ersten Quartal geboren, 25% jeweils im zweiten und dritten Quartal und 17% im vierten. Bei den Frauen sieht es anders aus: Die Verteilung von 22%–29%–28%–22% (aus 112 Sportlerinnen) ist ausgeglichener. Den Relative Age Effekt erkennt man hier also nicht.

Was könnte der Grund dafür sein? In einem Papier aus dem Jahr 2011 wird die Abwesenheit des Relative Age Effects im Frauenbaseball der 1940er und 50er Jahre darauf zurückgeführt, dass es zur damaligen Zeit keine organisierten Baseball-Ligen – samt Stichtag – für Mädchen gab. Im deutschen Frauenfußball ist das jedoch anders. Seit Jahrzehnten richtet sich der DFB auch hier nach dem Kalenderjahr,[3] der Relative Age Effect sollte also greifen. Sein Ausbleiben mag Zufall sein oder an der geringen Fallzahl liegen. Vielleicht unterscheidet sich die Ausbildung von Spielerinnen aber auch systematisch von der ihrer männlichen Gegenüber, sodass Körpergröße und -gewicht weniger Bedeutung haben.

Dass der Effekt im Männerfußball vorliegt, zeigt, dass hier für die Karriere eines Spielers neben Talent und harter Arbeit auch das Geburtsdatum ausschlaggebend sein kann. Ilkay Gündogan, Mesut Özil (beide Oktober) und Hummels (Dezember) sind die einzigen der insgesamt 23 WM-Nationalspieler, die im vierten Quartal geboren wurden. Diese drei mussten in jungen Jahren demnach eine Hürde mehr überwinden als ihre Teamkollegen – und zwar das eigene Geburtsdatum. Die Moral der Geschichte? Für fußballverrückte Eltern ist der beste Zeitpunkt zum Kinderzeugen also während der WM: So ist die erste Hürde auf dem Weg zum Profi-Sohn schon mal überwunden.


[1] Katrin Scheib wies kürzlich in ihrem Russball-Newsletter auf den Effekt beim russischen Nachswuchsfußball hin.

[2] Link zu einer Folgestudie der Autoren

[3] Im US-Nachwuchsfußball wurde 2005 ein nur sehr schwacher Relative Age Effekt gefunden. Im spanischen Frauenfußball wurde der Effekt 2015 hingegen nachgewiesen.